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NEWS

Veröffentlichung | 06.12.2017

TierquĂ€lerei-VorwĂŒrfe gegen Schlachthof:„Report MĂŒnchen“
Der DĂŒrener Schlachthof und das VeterinĂ€rsamt des Kreises DĂŒren ziehen ebenfalls erste Konsequenzen.
McDonald's stoppt die Abnahme

Foto: Tierschutz

DĂŒren. Es ist ein Zufallsfund. Der Schlachthof DĂŒren ist bislang nicht in Verruf geraten. Aber weil der Betrieb gerade Leute suchte, hat die „Soko Tierschutz“ dort im Oktober und November zwei Mitarbeiter als Metzger eingeschleust. Philipp Hörmann und ein weiterer Kollege, der anonym bleiben will, haben insgesamt nur sechs Tage auf dem Schlachthof Frenken gearbeitet und davon nur wenige Stunden im eigentlichen Schlachtbereich.

McDonald's stoppt die Abnahme

Der Schlachtbetrieb beliefert auch die Firma McDonald‘s Deutschland mit jĂ€hrlich 170 Tonnen Rindfleisch, was kein großer Anteil fĂŒr die Klopsbraterei bedeutet. In diesem Jahr macht das bislang nur 0,5 Prozent der Gesamtmenge an Rindfleisch aus.

Das Unternehmen hat, so bestĂ€tigt es ihr Sprecher Philipp Wachholz, die Lieferbeziehung vorerst gestoppt. „Die Einhaltung geltender Tierwohlstandards ist fĂŒr uns nicht verhandelbar, und aufgrund der Berichterstattung sehen wir diesen Grundsatz hier nachhaltig gefĂ€hrdet.“

Die Bilder, die sie in dieser Zeit heimlich aufgenommen haben, sind nur schwer zu ertragen. Der Beitrag lief am Dienstagabend bei „Report MĂŒnchen“ in der ARD, die „SĂŒddeutsche Zeitung“ hat die Geschichte unter dem Titel „Stirb langsam“ Mittwoch veröffentlicht. Hörmann gibt an, dass die grausamsten Bilder sogar noch zurĂŒckgehalten wurden.

„Wir haben es noch nie erlebt, dass wir innerhalb so kurzer Zeit so unglaublich viele gesetzliche VerstĂ¶ĂŸe, solche QuĂ€lereien, eine solche Inkompetenz und ein solches Hygienechaos dokumentiert wurden“, sagt Friedrich MĂŒlln von der „Soko Tierschutz“. „Diese ZustĂ€nde sind Alltag, obwohl der Schlachthof sogar die Bio-Zulassung hat und ĂŒber ein bis zu sechsköpfiges VeterinĂ€rteam verfĂŒgt.“

Er hat den gemeinnĂŒtzigen Verein vor vier Jahren gegrĂŒndet, heute ist er der GeschĂ€ftsfĂŒhrer der „Soko Tierschutz“, die sich ausschließlich ĂŒber Spenden finanziert. Die mehrfach ausgezeichnete Gruppe deckt nicht zum ersten Mal MissstĂ€nde auf, zum sechsten Mal ermittelt die Gruppe verdeckt. Vor ein paar Monaten hat ein Schlachthof in SĂŒddeutschland nach einer Undercover-Reportage schließen mĂŒssen. MĂŒlln sagt, dass man die TĂ€ter anprangern wolle. TĂ€ter in seiner Definition sind aber „vor allem die Konsumenten, die erfahren sollen, welches Leid die Tiere ertragen mĂŒssen“.

In DĂŒren wurden die beiden neuen Mitarbeiter nach eigener Auskunft nicht mal nach dem Nachnamen gefragt. Auch Gesundheitszeugnisse waren nicht erforderlich. Die Einarbeitung sei unerwartet schnell verlaufen. „Ich hĂ€tte schon nach einem Tag Tiere schießen dĂŒrfen“, sagt Hörmann, der darauf verzichtet hat. Der 34-JĂ€hrige ist gelernter Metzger, nachweisen musste er das nicht.

Hörmann hat umgeschult, ist nun Berufsfeuerwehrmann und RettungssanitĂ€ter. Tiere will er nicht mehr töten, er kann sie auch nicht mehr essen. „Diese Arbeit ist schwer zu ertragen“, sagt er nach den vier Tagen in DĂŒren. „Die Bilder lassen einen nicht mehr los. Unsere Mission ist es, die Leute aufzuwecken.“ Hörmann will auch aufrĂ€umen mit dem Irrglauben, dass es in einem bio-zertifizierten Hof tierfreundlicher zugehe. „Es gibt hinter diesen Mauern kein humanes Sterben.“

Hörmann weiß, wie Tiere getötet werden, er ist vorbereitet. Was er dann am ersten Tag erlebt, ĂŒbersteigert seine Vorstellung. Seine Aufnahmen zeigen Bullen und abgemagerte MilchkĂŒhe, die wohl erst nach einigen FehlschĂŒssen in den Kopf betĂ€ubt wirken. Einige Tiere reagieren in dem Moment, als ihnen ein Schlachter das Messer zum Todesstich in die Brust rammt. Tiere erwachen blutend auf dem Schlachtband, immer wieder versagt der Bolzenschuss, Falltore werden krachend auf RinderrĂŒcken geschlagen.

Hörmann sagt, er erinnere sich noch an den Geruch. Es stank nach Exkrementen und Schweiß der gestressten Tiere. Ein Mitarbeiter hĂ€tte die Schweine in die Schlachthalle in einen schmalen Gang getrieben, wer stehenblieb, wurde getreten. Sie wurden in eine BetĂ€ubungsbox geschoben, wo ein Mitarbeiter mit einer Art Schere Strom durch das Gehirn jagte. Die Tiere fielen stocksteif auf den Boden.

Ein paar Meter wurden die Schweine mit den Beinen am Schlachtband hochgezogen, sie sollten zuvor durch einen Messerstich getötet worden sein. „Da beginnt die Fehlerkette, weil bei manchem Halsstich zu wenig Blut austrat.“ Hörmann sah nach eigenen Angaben dutzende Male, wie zuckende Tiere in der Luft um ihr Leben kĂ€mpften. Erlöst wurde es nicht, sie fuhren minutenlang strampelnd in Richtung BrĂŒhbad, wo ihm die Borsten weggebrĂŒht wurden, beschreibt der TierschĂŒtzer.

„Dieses Schlachtsystem versagt an sich selbst, nicht nur bei dramatische Fehlern durch das Personal, sondern allein schon durch die maximale Ausbeutung der Ware Tier“, reklamiert MĂŒlln. In DĂŒren beobachteten seine eingeschleusten Leute, dass das Tier von Leuten ohne Kompetenz getötet wurden. Der nicht genannte Ermittler hĂ€tten schon nach kurzer Zeit den Entblutungsstich ohne jeden Sachkundenachweis ansetzen dĂŒrfen.

Bei der Schlachtung muss ein amtlicher Tierarzt aufpassen, so schreibt es das Gesetz vor. In DĂŒren wĂ€ren dagegen manchmal nur Studenten der VeterinĂ€rmedizin vor Ort gewesen, sagt MĂŒlln, was die Behörde dementiert. „Es ist nicht gut, wenn regionale Behörden, regionale Betriebe kontrollieren. Es entsteht manchmal ein merkwĂŒrdiger Corpsgeist“, findet MĂŒlln.

Sein Tierschutzverein hat Mittwoch bei der Staatsanwaltschaft Aachen Strafanzeigen gegen den EigentĂŒmer des Betriebs, den Leiter der Schlachterkolonne und dessen Vorarbeiter (Subunternehmer) sowie das KreisveterinĂ€ramt DĂŒren wegen VerstĂ¶ĂŸen gegen das Tierschutzgesetz und mögliche Strafvereitelung im Amt gestellt. MĂŒlln sagt, dass er sowohl der Staatsanwaltschaft als auch dem VeterinĂ€ramt das Bildmaterial zur Beurteilung ĂŒberlassen werde.

Der DĂŒrener Schlachthof und das VeterinĂ€rsamt des Kreises DĂŒren ziehen ebenfalls erste Konsequenzen. Unter anderem teilte die Firma Frenken am Mittwoch mit, dass es dem beauftragten Subunternehmen, das in DĂŒren geschlachtet hat, umgehend gekĂŒndigt habe.

Das Subunternehmen, die Rudolf Wingels GmbH aus Olzheim, war am Mittwoch nicht zu erreichen. Zudem setze Frenken ab sofort auf eine externe Firma, die „sĂ€mtliche BetĂ€ubungseinschĂŒsse der Rinderköpfe kontrollieren und fotografisch protokollieren werde“, heißt es in einer Stellungnahme. Es sollen kĂŒnftig auch weniger Tiere geschlachtet werden, um mögliche Schlampereien zu unterbinden: 25 anstatt 35 Tiere pro Stunde.

Überwacht werden die internen Schlachtkontrollen vom VeterinĂ€ramt des Kreises DĂŒren, dem die Soko „UntĂ€tigkeit“ vorwirft. Jeden Tag sei einer von vier TierĂ€rzten vor Ort, hinzukommen in der Regel drei Fleischkontrolleure, sagt Mounira Bishara-Rizk. FĂŒr die Leiterin des Amtes fĂŒr VeterinĂ€rwesen und Verbraucherschutz des Kreises DĂŒren kommen die VorwĂŒrfe ĂŒberraschend. „Es ist das erste Mal, dass wir von so etwas hören, und das schockiert uns natĂŒrlich.“

Bishara-Rizk betont, dass die amtliche Dokumentation bislang „ein anderes Bild des Unternehmens“ zeige. Das Amt werde nicht nur allen VorwĂŒrfen nachgehen, sondern auch ab sofort mehr als gesetzlich gefordert tun. Bislang haben die Amtsvertreter nur stichprobenartig kontrolliert, in allen Bereichen des Schlachthofes. „Und wir haben auch kein Recht auf eine verdeckte Ermittlung. Wir gehen davon aus, dass alles richtig lĂ€uft, wenn unsere Mitarbeiter danebenstehen.“

Der Schlachthof gab am Mittwoch bekannt, kĂŒnftig sollten weniger Tiere geschlachtet werden, um potenzielle Schlampereien zu unterbinden.



Von: pa/cro AZ

http://www.aachener-zeitung.de/lokales/region/tierquaelerei-vorwuerfe-gegen-schlachthof-erste-konsequenzen-1.1777412





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